1946 Es muss Ende September, Anfang Oktober gewesen sein, nach meinem 12ten Geburtstag, da brachte mich eine Erzieherin mit dem Zug nach Quedlinburg, in ein anderes Heim. Das neue Heim war sehr klein und streng, daran kann ich mich noch gut erinnern. Wir kamen ja so gut wie nie aus dem Heim raus. Es hatte sich aber unter uns rum gesprochen, wenn man raus will sollte man Zahnschmerzen vortäuschen, und schon durfte man zu einem bestimmten Zahnarzt gehen. Es war kurz vor Weihnachten, in den Straßen und Häusern von Quedlinburg war schon alles Weihnachtlich geschmückt und überall roch es so herrlich nach fremden Gewürzen. Ich kam an eine Bäckerei vorbei, habe dort etwas mitgehen lassen, ohne zu bezahlen. Im Heim angekommen, da wusste man schon bescheid und ich wurde eingesperrt. Im Keller war der Dusch,- und Waschraum und daneben war noch ein kleiner Raum unter der Steintreppe, von ca. 2,5 m x 3,0 m. In diesen Raum wurde ich eingesperrt, bekam eine Matratze, eine Decke und einen Eimer für die Notdurft. Es dauerte nicht lange, da waren wir zu dritt. Richard Lange 14 J. Rolf Deutschmann 13 J. Rolf Schmidt 12 J. Da saßen wir nun und konnten über unsere Sünden nachdenken. Weihnachten 1946 ging vorbei und an uns dachte keiner, ich glaube man hatte uns vergessen. 1947 Es war Anfang Februar, da hörten wir ein Gespräch auf der Steintreppe über uns. Es war der Heimleiter und ein Russe. Es drehte sich um uns drei Jungs, so viel haben wir verstanden und das wir abgeholt werden sollten. Richard meinte, jetzt wird es Zeit das wir hier verschwinden, er behielt einen Löffel, bei der Geschirr- Abgabe und bastelte daraus einen Dietrich. Das dauerte bis ca. 2°°Uhr in der Nacht, dann hatte er es geschafft und unsere Tür öffnete sich. Nun mussten wir auch etwas zum anziehen haben, denn draußen lag ja Schnee und es war bitter kalt. Zum Glück befand sich neben dem Duschraum auch die Kleider-Kammer und wir konnten uns sehr gut einkleiden. Es war die Jungfolk-Winter-Uniform, (Überfallhose, kurze Jacke und dicke Unterwäsche, Socken und derbe Schuhe mit Nägeln darunter), so Ausgerüstet machten wir drei uns auf den Weg nach draußen. Wir mussten noch durch die Bibliothek, dort ein Fenster öffnen und in den Hof springen, ca. 2,5m, dann über den Eisen-Zaun auf die Strasse Springen, ca. 3,0m. Wir waren einige Strassen weit gelaufen, da schlug die Uhr, es war 3°°Uhr, jetzt mussten wir uns aber beeilen, dass wir aus Quedlinburg rauskamen, sonst werden wir wieder eingefangen. Wir sind über den Ort Thale und kamen dann an einige Dörfer vorbei, immer Richtung Westen, da sind die Engländer und die Amerikaner, das wussten wir. Richtung Westen waren damals sehr viele Leute unterwegs,die hatten Rucksäcke und Taschen dabei, jeder schleppte so allerlei Sachen mit sich herum, zum Tauschen bei den Bauern und zum Handeln für Lebensmittel, in den Geschäften gab es nicht viele Lebensmittel damals.Die Grenze zum Westen musste in der Nähe sein, denn die Schieber und Schwarzhändler versteckten sich des öffteren, das viel uns auf und wir machten es ihnen nach und wenn die Luft rein war schlichen wir den Leuten hinterher. Der Abend kam, es wurde immer dunkler, auf einmal hatten wir den Anschluss verpasst und wussten nicht weiter, wir waren auch müde geworden, vom herum Schleichen und immer auf der Hut sein. Rechts und links an der Straße waren Straßengräben und auf der einen Seite lag ein großer Haufen langer Bäume, zum Abtransport bereit. Im Straßengraben unter den Bäumen lag kein Schnee und so krochen wir darunter und wollten uns Schlafen legen, aber es war so kalt, Richard meinte, wir sollten aufstehen und uns bewegen, sonst erfrieren wir. Wir konnten uns kaum bewegen, so steif waren wir. Als wir auf der Straße entlang liefen, entdeckten wir im Wald ein Licht, Richard meinte, da gehen wir jetzt hin. Als wir dort ankamen, stand da eine Baracke ca. 2,5 m x 3,50 m mit einem kleinen Fenster und einem Ofenrohr, das qualmte. Langsam und leise schlichen wir um die Hütte und klopften an die Tür, es wurde geöffnet und zwei Russen mit Maschinenpistolen kamen rausgestürmt und brüllten etwas auf Russisch, fast hätten Sie uns erschossen, aber Sie erkannten den Irrtum und holten uns in die warme Hütte. Darin stand eine große Liege, ein Ofen und ein Stuhl. Sie gaben uns etwas zu Essen und zu Trinken und fragten uns, woher wir kämen und wohin wir wollten, dann durften wir uns auf die große Liege hinlegen und wir schliefen bis zum anderen Morgen. So ausgeruht, konnten wir den Weg Richtung Braunlage fortsetzen. Es dauerte ca. 2 Tage, dann landeten wir in Braunlage und alle Leute strömten zum Bahnhof. Im Bahnhof von Braunlage, da war es warm und wir konnten uns endlich ausruhen, das heißt, wir lagerten unter den Tischen und schliefen nach kurzer Zeit ein, wenn wir wach wurden, dann kramten wir vorsichtig in den Taschen und Rucksäcken herum (das durfte keiner der Besitzer merken), bis wir etwas Essbares fanden und zu Trinken gab es auf den Toiletten, dort konnte man sich auch waschen. Nach ein paar Tagen waren wir ausgeruht und hatten auch genug zu Essen. Wir waren nur noch zu zweit, Richard Lange und Rolf Schmidt. Rolf Deutschmann hatten wir in einem Dorf verloren, denn dort war das halbe Dorf hinter uns her, wir hatten etwas geklaut, jeder floh in eine andere Richtung. Ich selbst habe mich unter eine Tanne versteckt, deren Äste gingen bis auf den Boden, viele Leute hetzten vorbei, keiner bemerkte mich, nach ein paar Stunden bin ich vorsichtig aus meinem Versteck gekommen und in dem nächsten Dorf habe ich dann Richard wieder getroffen, die Freude war groß, aber von Rolf Deutschmann haben wir nichts mehr gehört. Krefeld, den 24. März 2008 Rolf Schmidt |